Vorhang auf für das Unerwartete
Die Performance basiert auf autobiografischem Material sowie Gesprächen mit anderen Betroffenen. Die Erlebnisse werden jedoch nicht dokumentarisch erzählt, sondern in eine stark formalisierte Bühnenform übersetzt.
Anstatt zu fragen: „Warum ist sie nicht gegangen?“, stellt die Arbeit die entscheidende Gegenfrage:
Was musste geschaffen werden, damit sie nicht mehr wegkam – und die Gewalt stattfinden konnte?
Im Zentrum stehen Mikro-Mechanismen psychischer Kontrolle:
unmerkliche Verschiebungen, Überwachung, Manipulation, Verwirrung, Identitätsbrüche.
Objekte und Musik werden zu Gegenspielern, Vertrautes kippt ins Surreale – bis ein Moment von Klarheit zu einem Akt der Selbstermächtigung führt.
WARUM DIESES STÜCK JETZT?
2024 verzeichneten Schweizer Opferberatungsstellen 50'000 Konsultationen – doch die Gewalt bleibt unsichtbar und schwer nachweisbar. Theater macht das Spurenlose erfahrbar.
Durch verschiedene Gespräche mit Betroffenen, Fachpersonen und durch die Beobachtung meiner Umgebung habe ich gemerkt, dass es weiterhin ein wichtiges Thema ist: Schon der erste Schritt kann zu physischer Gewalt führen, bleibt aber oft schwer verständlich, weil er keine sichtbaren Spuren hinterlässt. Sowohl Betroffene als auch Nichtbetroffene haben Schwierigkeiten, diese Form von Gewalt zu begreifen.
ChaOs OverdOse testet im Work-in-Progress (Dezember 2025) Live-Musik als „Täterstimme“ und Objekte als Erinnerungsräume. Das SPOT-Format teilt diesen rohen Moment mit Programmverantwortlichen und gewinnt Partner für die Premiere im Frühling 2027 – kein Betroffenheitstheater, sondern eine ästhetische Übersetzung hin zur inneren Klarheit.
INHALT & ÄSTHETIK
Dramaturgische Handschrift
chaotisch strukturierte Szenen, die innere Kontrollmechanismen spiegeln
Wechsel zwischen präzisen Abläufen und kontrolliertem Kontrollverlust
Sprachbrüche (Französisch–Deutsch) als Spiegel der Identitätsverschiebung
Humor als Riss im System, der Luft schafft und Distanz erzeugt
Objekte, die sich unmerklich verselbstständigen und ihren alltäglichen Sinn verlieren
rhythmische Spannungsbögen, die in Erschöpfung, Klarheit oder Selbstbehauptung münden
Die Performance untersucht die Mikro‑Dynamiken psychischer Kontrolle aus einer stark formalisierten, nicht‑dokumentarischen Perspektive. Die Grundlage ist autobiografisch, doch die Umsetzung ist klar nicht dokumentarisch: Die realen Erfahrungen werden zu einer eigenen Bühnenform verdichtet — körperlich, musikalisch, fragmentiert und formalisiert.
Eine Bügelstation, die als Live-Mixing-Tisch der Musikerin dient
Ein Stuhl, ein stoffloser Parasol, ein alter Koffer, eine Kiste voller Kleidung
Kleine Alltagsobjekte, die plötzlich eine unerwartete Bedeutung erhalten: Zahnbürsten, ein Schlafsack, Kleidungsstücke, unscheinbare Dinge, die sich gegen die Performerin zu wenden scheinen
Eine Performerin, deren Körper impulsiv, suchend und fragmentiert reagiert
Eine Musikerin (Bratsche + Live-Elektronik), die Gegenkraft, innere Stimmen und die „Verschiebung der Realität“ hörbar macht
Das Stück zeigt keine Gewalt.
Es zeigt die Mechanismen, die sie ermöglichen – und den Moment, in dem sie entlarvt und zurückgewiesen wird.